Fragen und Antworten zum Thema Impfung

14 Impffragen an DDr. Wolfgang Maurer

Facharzt für Labordiagnostik und Impfexperte an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugend­heilkunde am AKH Wien

 

Immer wieder flammt die Dis­kussion zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern auf, zu­letzt an­geheizt durch eine Masernepi­demie in Deutschland: Ist Impfen nützlich oder schädlich? Schützt die Spritze vor todbringenden Krankheiten oder ist jede Imp­fung nur eine Belastung des Or­ganismus? Ist die ganze Sache vielleicht nur Werbung für die Pharmaindustrie?

Die Motivation der Impfbefür­worter ist leicht auf den Punkt zu bringen: Warum krank wer­den, Komplikationen oder gar den Tod riskieren, wenn man sich durch eine Impfung schützen kann? Die Argumentation der Impfgegner ist hingegen vielfältig: Die Palette reicht von „Für ei­nen gesunden Menschen sind diese Infektionen harmlos und stärken das Immunsystem" bis hin zu den extremen Fällen von Sekten oder ganzen Gruppen, die Impfungen als „unnatürlich" kategorisch ablehnen. Im Rahmen des Salzburger Impftages haben wir den Wiener Impfexperten DDr. Wolfgang Maurer zu einem Gespräch gebeten und ihn mit den häufigsten Argumenten der Impfskeptiker konfrontiert. Der Mediziner und Biochemiker, Facharzt für Labordiagnostik und Impfexperte an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugend­heilkunde am AKH Wien ist bekannt für seine pointierten Aus­sagen in der Impfdiskussion. („Die ganze Impfdiskussion ist kein Glaubenskrieg. Die Impfgegner glauben, wir wissen.") Hier un­sere Fragen und seine Antworten, die wissenschaftliche Fakten gemischt mit gesundem Hausverstand so wiedergeben, dass auch Nichtexperten sie verstehen.

 

Warum sollte man sich denn überhaupt impfen lassen?

DDr. Maurer: Zum Zeitpunkt der Geburt ist das Immunsystem in einem so genannten „naiven Status" das bedeutet, es hatte noch keinen Kontakt mit krankmachenden Erregern. Um ein funktionierendes Immunsystem aufzubauen, muss es geschult werden. Das klappt am besten mit einer Impfung. Denn bei der Impfung werden die gleichen immunologischen Mechanismen aktiviert wie bei einer Infektion, nur dass man sich das Risiko der Krankheit spart. Impfen bedeutet Risikoreduktion, das sollte man rechtzeitig machen und frühzeitig, Babys sind nicht „zu klein" für die empfohlenen Impfungen. Beispielsweise sollte die Impfung gegen Pneumokokken ab dem 3. Lebensmonat durch­geführt werden, denn der Anteil der Fälle in den ersten 5 Le­bensjahren ist im zweiten Lebenshalbjahr besonders groß, da sollte das Kind schon geschützt sein.

 

Überlasten diese vielen Impfungen, noch dazu gleichzei­tig, so ein kleines Baby nicht?

DDr. Maurer: Nein. Selbst wenn man einem Menschen 100 Vak­zine (Impfstoffe) gleichzeitig verabreicht, wären nur 0,1% des Im­munsystems ausgelastet. Die 6-fach-lmpfung stellt für ein ge­sundes Baby und sein Immunsystem überhaupt kein Problem dar. Man kann das Immunsystem durch Impfen nicht überfor­dern. Eine Infektion mit einem einzigen Bakterium, das das Baby sehr leicht irgendwo aufschnappt, konfrontiert den Körper mit zirka 3.000 Antigenen. Alle Impfungen des aktuellen Impfplans zusammen, samt Windpocken und Rotaviren, enthalten 200 Antigene. Allein der Keuchhusten-Impfstoff, mit dem die Generation der Eltern der heutigen Babys geimpft wurde, enthielt 3.000 Antigene. Soll ich Ihnen noch ein hübsches Beispiel erzählen? Ein Gramm Erde, beispielsweise am Spielplatz, enthält 6.400 bis 38.000 Bakterienspezies, jede davon enthält mindestens 3.000 Antigene, das ergibt bis zu 100 Millionen Antigene pro Gramm Erde. Wenn das Immunsystem damit nicht zurechtkäme, wären jedes aufgeschürfte Knie und jedes Händchen voll verschluckter Sand eine Katastrophe. Da muss man sich bei 200 Antigenen durch die Impfungen wirklich keine Gedanken machen! Es ist eher ein Problem für das Baby, wenn der Nestschutz nachlässt (Anm.: Nestschutz bedeutet, dass mütterliche Antikörper über die Plazenta an das Baby weitergegeben werden und in der ersten Zeit nach der Geburt ein gewisser Schutz vor Erkran­kungen des Babys besteht) und es noch nicht geimpft ist. Die Antikörper in der Muttermilch haben primär mit Nestschutz nichts zu tun, schützen aber hauptsächlich vor gastrointestinalen Infektionen. Die biologische Halbwertszeit des Nest­schutzes beträgt 21 Tage. Das bedeutet, dass 3 Wochen nach der Geburt nur noch 50% Schutz bestehen und nach 4 Monaten nur noch 1,5%-spätestens da braucht das Baby dann sein eige­nes Immunsystem. Nestschutz ist auch nur relativ, keinen Nest­schutz gibt es bei Keuchhusten. Bei Masern wäre der Säugling vor Symptomen geschützt, nicht jedoch vor Infektion.

 

Was halten Sie von dem Argument, dass Kinderkrank­heiten Kinder positiv beeinflussen, natürlich zum Groß­werden dazugehören, dass beispielsweise Masern gut für die Entwicklung sind?

DDr. Maurer: Es gibt keine einzige Arbeit, die das zeigt. Merk­würdigerweise kommt dieses Argument immer bei Masern, es kommt nicht bei Tollwut oder bei invasiven Pneumokokken, nicht bei Tetanus-Infektionen. Es gibt keinen Sinn einer Erkran­kung beim Menschen. Der einzige Sinn, den Masern haben, ist der Erhalt der Spezies Masernvirus. Es ist in keiner Weise belegt, dass Kinderkrankheiten wichtige Entwicklungsschritte auslö­sen, und gerade bei Masern ist es auch ziemlich unwahrschein­lich, denn Masern gibt es erst seit ca.1.ooo Jahren, wahrschein­lich als Kulturfolge der Domestizierung des Rindes ist wegen der Stallhaltung und des nahen Kontaktes zu Kühen das Virus auf den Menschen übergesprungen. Das Masernvirus ist durch Tröpfcheninfektion (auch z.B. bei einem Gespräch, ohne dass man den anderen berührt) übertragbar. Evolutionär kann das al­so keinen Sinn haben, denn das ist viel zu kurz, was sind schon tausend Jahre?

Das mit dem Entwicklungsschritt nach oder auf­grund einer durchgemachten Maserninfektion kann man ganz leicht erklären: Wenn das Kind tage- oder wochenlang in den Seilen hängt und dann wieder gesundet, sehen die Eitern natürlich eine Entwicklung, das ist aber ganz normal und die hätte das Kind auch ohne die Erkrankung gemacht.

Ich hatte kürzlich ein Ge­spräch mit der Mutter einer ungeimpften 2,5-Jährigen: Das Argu­ment war, dass die ganze Familie durch die Krankheit profitiert, wenn sie das Kind durch die Krankheit be­gleitet. Meine eigene Familie profi­tiert dann, wenn wir in dieser Woche gemeinsam Schifahren gehen. Da ha­ben wirklich alle etwas davon. Ich sel­ber hatte Masern in der zweiten Klas­se und hatte dadurch 27 Fehltage, im zweiten Halbjahr Keuchhusten mit 45 Fehltagen. Meine (natürlich geimpf­ten) Kinder hatten durch ihre ge­samte 12-jährige Schullaufbahn nicht annähernd so viele Fehltage wie ich in einem einzigen Jahr durch zwei heute impfpräventable Krankheiten.

 

Manche Menschen fürchten, dass eine Impfung für den Körper belastender ist als die Erkrankung selbst, Stich­wort: „Masernimpfung löst Autismus aus" oder „Die vie­len Fälle von plötzlichem Kindstod (SIDS) hängen mit den vielen Impfungen zusammen".

DDr. Maurer: Das ist falsch. Zum Thema „Autismus und Imp­fung" gibt es 8 Studien inzwischen, es konnte absolut kein Zu­sammenhang zwischen Autismus und Impfung gefunden wer­den. Autismus ist eine Krankheit, die schon während der Schwangerschaft erworben wird und nichts mit der Impfung zu tun hat. Auch multiple Sklerose hat nichts mit einer Impfung zu tun. Im Falle von plötzlichem Kindstod kann man sogar sagen, dass Impfen vor SIDS schützt. Es gibt eine Studie, die besagt, dass 5% der Fälle von plötzlichem Kindstod undiagnostizierte Keuchhustenfälle sind. Die jungen Babys, die beispielsweise im Alter von 3 Monaten noch nicht gegen Keuchhusten geimpft sind, werden von den Eltern, die auch nicht mehr gegen Keuch­husten geimpft sind, angesteckt (80% dieser Kinder werden von den Eltern oder Geschwistern angesteckt) und können noch nicht richtig husten und hören einfach auf zu atmen. Wenn bei der Obduktion nicht nach Keuchhusten gesucht wird - das ist eine Spezialbestimmung -, bemerkt man es nicht - es handelt sich immerhin um 1 bis 2 Fälle pro Jahr in Österreich. Auch mit der Einführung der Haemophilus-B-lmpfung in Österreich kam es zu einem statistisch signifikanten Rückgang der SIDS-Fälle. Wir hatten im Jahr 2004 die höchste Rate an Durchimpfung mit der 6-fach-lmpfung (98% nach Zahl der verkauften Dosen) und die kleinste Zahl an Fällen von plötzlichem Kindstod, nämlich 14. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache, es kann also nicht sein, dass Impfen zu plötzlichem Kindstod führt.

 

Menschen fürchten sich, dass Kin­der Allergien kriegen, weil man ihr Immunsystem mit Impfen „durch­einanderbringt"

DDr. Maurer: Das Immunsystem wird nicht durcheinandergebracht durch ei­ne Impfung. Das ist eine völlig regulär ablaufende Reaktion des Immunsys­tems. Das häufige Vorkommen von All­ergien hat nichts mit Impfungen zu tun. Allergien oder Neurodermitis tre­ten bei Kindern meist dann auf, wenn schon einige Impfungen erfolgt sind, und dann wird das ganz schnell auf die Impfung geschoben, um einen Schul­digen zu finden. Ich z.B. würde gerade einem Neurodermitis-Kind auf jeden Fall eine Windpocken-Impfung anbieten, denn Kinder, deren Haut schon vorgeschädigt ist, haben oft schwerere Verläufe der Erkrankung und leiden dann sehr.

Auch Asthmakinder sollten jährlich gegen Influenza geimpft werden, da die Lunge schon genug mitmacht und dann nicht zusätzlich noch eine Grippe braucht. Grundsätzlich gilt, wenn Organe schon vorgeschädigt sind, sind sie durch Impfung noch mehr zu schützen, so braucht z.B. ein Leberkranker unbedingt eine Hepatitis-Impfung.

 

Das nächste Argument der Impfskeptiker: „Nicht ge­impfte Kinder erkranken auch nicht. Impfen ist daher sinnlos." Was sagen Sie dazu?

DDr. Maurer: Na ja, wer die Medienberichte in den letzten Wo­chen verfolgt hat, hat gesehen, dass das so nicht stimmt, in Salzburg ist eine halbe Schule an Masern erkrankt. Natürlich stimmt es, dass durch die so genannte Herdenimmunität bei In­fektionen, die nur den Menschen betreffen, ungeimpfte Kinder (auch die Kinder der Impfgegner) eine sehr viel geringere Wahr­scheinlichkeit haben, in einem bestimmten Zeitraum zu erkran­ken. In der Vorimpfära gab es beispielsweise bei Masern Ausbrüche alle zwei Jahre, heute haben sich die Abstände zwischen den Ausbrüchen auf 10 bis 12 Jahre vergrößert und dadurch ha­ben diese ungeimpften Kinder eine größere Chance ohne Ma­sernkontakt groß zu werden. Das ist aber dem Einfluss der Geimpften zu verdanken, das heißt, Ungeimpfte profitieren von den Geimpften, man nennt das Trittbrettfahrer.

 

Wie ist es mit der Sorge skeptischer Eltern, dass eine Impfung ja momentan gegen eine bestimmte Krankheit helfen möge, aber die Langzeitfolgen und Auswirkungen von Impfstoffen noch völlig unbekannt seien?

DDr. Maurer: Es mag ja sein, dass wir derzeit noch nicht wissen, ob 90-Jährige, die vor 89 Jahren gegen Masern geimpft wurden, noch immun sind. Aber das ist bei jedem Arzneimittel so, dass Langzeitstudien einfach ihre Zeit brauchen. Bei vielen Impfstof­fen haben wir aber schon Langzeitstudien, die Masernimpfung beispielsweise gibt es seit 40 Jahren und es sind keine Negativ­folgen bekannt, was sollte das auch sein? Was stellt man sich an negativen Folgen vor? Das müsste ja eine Ursache haben. Die stark gestiegene Scheidungsrate kann ja keine Folge davon sein, dass wir vor Jahrzehnten mit der Masernimpfung begonnen haben  ...

 

Durchgemachte Erkran­kungen bringen lebenslan­ge Immunität. Eine Imp­fung muss alle paar Jahre aufgefrischt werden?

DDr. Maurer: Bei Masern ist das noch nicht so ganz klar. Es ist sicher, dass der Impfschutz weit länger als 40 Jahre hält, die Daten von 40 Jahren ha­ben wir. Wir haben noch nicht die Daten von 90 Jahren, aber die Schutzdauer der Masernimp­fung reicht aus, um Masern global auszurotten, dann können wir mit der Masernimpfung aufhören. In Amerika und Australien zirkuliert das Masernvirus nicht mehr, das heißt, wir haben jetzt schon zwei Kontinente, wo es keine Masern mehr gibt. Und hät­ten wir keine Reisenden, könnten diese Länder aufhören, gegen Masern zu impfen.

Zum Thema „lebenslange Immunität nach durchgemachter Erkrankung" da muss ich ironisch etwas über­spitzt formulieren: Ja, aber wenn man an der Erkrankung stirbt, ist das Leben halt auch nicht sehr lang. Und wenn man Masern mit einem Gehirnschaden überlebt, dann ist man zwar sein Le­ben lang immun gegen Masern, aber die Lebensqualität hält sich arg in Grenzen.

 

Zum Thema Masern: Es war so viel die Rede von „Masern­partys" und dass es völlig harmlos sei, an Masern zu er­kranken. Was stimmt denn nun?

DDr. Maurer: Eines gleich vorweg: Masernpartys, also Veranstal­tungen, wo Kinder extra hingebracht werden, damit sie sich mit Masern anstecken, sind strafbar, das steht im Strafgesetzbuch unter Paragraph 178, Stichwort:„Handlungen, die die Verbreitung einer Epidemie begünstigen ..." usw. Wenn jemand, der HIV-posi­tiv ist, jemanden wissentlich ansteckt, wird er ja auch verurteilt. Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Einer von 1.ooo Masernkranken stirbt, und das gilt für Länder, die eine intensiv­medizinische Versorgung haben - in Entwicklungsländern ist die Sterberate noch viel höher. Hierzulande sind 1920 noch 3% eines Jahrganges an Masern gestorben. Wer an Masern stirbt, stirbt an Masern-Lungenentzündung, an Gehirnentzündung, an Herz-Kreislauf-Problemen. Masern verursachen eine Immunsuppression (verminderte Wirksamkeit des Immunsystems) ähnlich wie HIV für ca. zwei Monate nach der Erkrankung, und dann kann schon eine einfache bakterielle Lungenentzündung sehr schnell tödlich enden. Ursächlich wird diese Lungenentzündung dann meist nicht auf die Masernerkrankung zurückgeführt - nur ohne Masern hätten diese Patienten keine Pneumonie be­kommen.!

Bis 2 Patienten pro 1.ooo Masernfälle erkranken an ei­ner durch das Masernvirus verursachten Gehirnentzündung, jeder Vierte davon stirbt, bei einem Drittel der Überlebenden bleibt ein Dauerschaden zurück, man nennt das Defektheilung. Wenn Sie mich fragen, hat sich durch eine Gehirnentzündung noch nie jemand intellektuell ver­bessert.

 

Und wie gefährlich ist die Masernimpfung?

DDr. Maurer: Zirka 6% der Geimpften bekommen Fieber zwischen dem 7. und 12. Tag nach der Impfung, am häu­figsten an Tag 9 oder 10, dann, wenn sich die Impfviren maximal vermehren. Fieber tritt aber im Gegensatz dazu bei 100% der Kinder auf, die an Masern erkranken.

Der von Eltern so gefürchtete Fieberkrampf tritt statistisch be­trachtet 33-mal pro 100.000 Impfungen auf, pro 100.000 Ma­sernerkrankungen gibt es hingegen 7.000 Fieberkrämpfe. Der Unterschied ist, dass solch ein Fieberkrampf durch die Impfung (obwohl es schrecklich aussehen kann) medizinisch folgenlos ist, ein Fieberkrampf, der durch Masern verursacht ist, kann in eine Enzephalitis (Gehirnentzündung) münden. Statistisch ge­sehen riskiert man durch die Masernimpfung einen medizinisch folgenlosen Fieberkrampf, hat dadurch aber 8 Maserntote ver­mieden. Diese Nutzen-Risiko-Abwägung ist ganz eindeutig aufseiten des Nutzens. Zirka 6% der Geimpften erkranken an Impf­masern, das ist eine abgeschwächte Form der Masernerkran­kung - und die dürfen sich eigentlich freuen, denn sie wissen, dass die Impfung garantiert gewirkt hat und dass sie jetzt ge­gen Masern geschützt sind. Schwerere Masernverläufe, wie z.B. die hämorrhagischen Masern, gibt es beim impfen nicht. Das Masernimpfvirus verursacht im Gegensatz zur durchgemach­ten Masernerkrankung auch keine subakut sklerosierende Panenzephalitis (SSPE, gefürchtete Spätkomplikation nach Masern­infektion. SSPE zählt zu den slow virus infections und führt durch Entzündung des Gehirns und Entmarkung der Nerven zupsychischen Störungen, Demenz, Muskelkrämpfen, epilep­tischen Anfällen und schließlich unweigerlich zum Tod). 16 Fälle von SSPE haben wir in Österreich aus den 30.000 Masernfällen der Jahre 1994 bis 1996 diagnostiziert, 14 davon sind schon ge­storben, ein Patient liegt auf der Wachkomastation, einem geht es den Umständen entsprechend so halbwegs.

 

Sind Ihnen Todesfälle nach einer Masernimpfung be­kannt?

DDr. Maurer: Global gab es in 40 Jahren insgesamt 5 Todesfälle nach einer Masernimpfung. Alle diese Patienten wiesen eine schwere Immundefizienz (Funktionsstörung des Immunsys­tems} auf und hätten eigentlich gar nicht geimpft werden dür­fen. Tragisch daran war, dass bei diesen Babys die Immundefizi­enz noch nicht diagnostiziert war, weil sie so jung geimpft wur­den. Deshalb ist es gut, dass in Österreich erst ab dem vollen­deten ersten Lebensjahr geimpft wird. Zu diesem Zeitpunkt, mit diesem Alter sind solche schweren Fälle von Immundefizi­enz immer schon diagnostiziert - wobei man sagen muss, dass das sehr selten vorkommt, wir sprechen von maximal 2 bis 3 Fällen pro Jahr in Österreich. Sonst ist mir kein einziger Fall be­kannt.

 

Wie steht Österreich im internationalen Vergleich da? Gibt es bei uns mehr oder weniger Masernfälle als in an­deren Ländern?

DDr. Maurer: Österreich steht im internationalen Vergleich punkto Masern gar nicht gut da. Nehmen wir als Beispiel Bolivien, das ist ein relativ armes Land in Südamerika. Bolivien hat wie Öster­reich etwa 8-9 Millionen Einwohner, dabei aber dreimal so viele Kinder - und es gibt in Bolivien seit 5 Jahren keinen Masernfall, bei uns gibt es etliche tote Kinder. In Gesamtamerika gibt es kei­ne Masern, das Virus zirkuliert dort seit 2002 nicht mehr, es gab letztes Jahr in Gesamtamerika mit 903 Mio. Einwohnern 165 Ma­sernfälle, die alle irgendwoher eingeschleppt wurden, vor allem aus Europa. In den USA dürfen Kinder keinen Kindergarten besu­chen, wenn sie nicht gegen Masern geimpft sind.

 

Warum macht man das in Österreich nicht so?

DDr. Maurer: Das hat man bisher nicht so gemacht. Das Argu­ment ist meist, dass Zwänge Widerstände schaffen, die nicht nötig sind. Wir versuchen eben, mit schlüssigen Argumenten zu überzeugen. Alles, was ich Ihnen erzähle, ist evidenzbasiert, das finde ich auch ganz wichtig, dass die Menschen richtige und korrekte Information erhalten. Aber zurück zu den Masern: In Ländern, wo das nach dem amerikanischen Vorbild gemacht wurde, beispielsweise im benachbarten Tschechien, gibt es Ma­sern nicht mehr. Nochmal zum Argument dass Masern die Ent­wicklung fördern: In Finnland gibt es seit 20 Jahren keine Ma­sernfälle mehr, und dass man den finnischen Kindern Entwick­lungsrückstände gegenüber den österreichischen Kindern vor­werfen könnte, ist ja wohl nicht der Fall, Stichwort PISA-Studie  ...

 

Letzte Frage: Was sagen Sie zu dem Argument, dass Imp­fen doch nur Geschäftemacherei der Pharmafirmen sei?

DDr. Maurer: Das ist kein gutes Argument. Die wahre Geschäf­temacherei für die Pharmafirmen sind die Krankheiten. Masern bringen der Pharmaindustrie mehr Umsatz als die Masernimp­fung. 1 Euro in die Masernimpfung investiert bringt 22 Euro Er­sparnis hinsichtlich der Kosten der Masernbehandlung.

 

 

Antworten des Robert Koch Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen

Stand: 7.1.2015

Vorwort

Die Zahl der Impfungen steigt – aber werden wir deshalb gesünder? Die Frage ist immer wieder diskutiert worden, keineswegs erst in den letzten Jahren. Als die Pockenschutzimpfung für Kinder durch das Reichsimpfgesetz 1874 verpflichtend eingeführt wurde, überschlug sich die Debatte, und Kritiker gründeten Zeitschriften wie "Der Impfgegner", um ihren Argumenten Gehör zu verschaffen. Auch heute dreht sich die Diskussion oft um die Impfungen von Kindern. Dabei wird gefragt, ob man den Kindern mit der Impfspritze nicht mehr schade als nutze. Sind Impfungen gefährlich oder überflüssig? Welche Rolle spielen die Profitinteressen der Pharmaindustrie?

Klar ist: Impfungen unterscheiden sich von anderen ärztlichen Eingriffen. Zum einen zielen sie nicht nur auf den Nutzen des Einzelnen, sondern auch auf den Schutz der ganzen Bevölkerung. Zum anderen werden sie bei Gesunden durchgeführt. Es ist gerechtfertigt, beim Impfen besondere Sorgfalt zu fordern und strittige Punkte auch kritisch zu diskutieren – nicht zuletzt deshalb, weil Impfungen zu den häufigsten medizinischen Maßnahmen überhaupt gehören. So wurden in Deutschland im Jahr 2011 rund 35 Millionen Impfstoffdosen mit den gesetzlichen Krankenversicherungen abgerechnet. Etwa 40% davon entfiel auf die jährliche Grippeschutzimpfung, ein weiterer großer Anteil auf die Impfungen von Kindern. 

Im Jahr 2012 waren über 95 Prozent der Schulanfänger gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung sowie mindestens einmal gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft. Rund 85 Prozent hatten auch die seit Mitte der neunziger Jahre für Säuglinge empfohlene Impfung gegen Hepatitis B erhalten.

Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht. Jeder kann, ohne Angabe von Gründen, eine Impfung für sich oder seine Kinder ablehnen. Und jene, die sich als Impfgegner oder als Impfkritiker verstehen, tun dies bisweilen auch. 

Die häufigsten Einwände gegen das Impfen sind hier aufgelistet. Die Antworten sollen helfen, die Behauptungen einzuordnen und sich vom Nutzen des Impfens ein Bild zu machen.

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1: Die Wirksamkeit von Impfungen wurde niemals belegt.

Eigentlich dürfte es keine kommerziell vertriebenen Impfstoffe geben, wenn diese These tatsächlich zuträfe. Denn nach geltendem Arzneimittelrecht erhält ein Impfstoff nur dann eine Zulassung, wenn nachgewiesen ist, dass er auch wirksam ist. Den Nachweis muss der Hersteller in experimentellen und klinischen Studien erbringen. Geprüft werden die wissenschaftlichen Belege auf EU-Ebene unter der Regie der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA (European Medicines Agency). Hierzulande liegt die Verantwortung beim Paul-Ehrlich-Institut als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel.

Ein größeres Gewicht fällt dem Praxistest zu. So lässt sich gut nachvollziehen, dass mit dem Beginn des Routineeinsatzes der jeweiligen Impfstoffe die entsprechende Infektionskrankheit deutlich zurückgedrängt wurde. 

Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Einführung der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung Anfang der sechziger Jahre. Während in der Bundesrepublik im Jahr 1961 noch fast 4.700 Kinder an Kinderlähmung (Poliomyelitis) erkrankten, waren es im Jahr 1965 bereits weniger als 50 Kinder. Nach diesem Erfolg hat es in Deutschland keine Häufung von Polioerkrankungen mehr gegeben (siehe auch Antwort auf den Einwand 17). 

Ähnlich durchschlagend war die Impfung gegen das Bakterium Haemophilus influenzae (Typ b), das schwere Hirnhautentzündungen bei Säuglingen und Kleinkindern verursachen kann. In der DDR, wo die Infektionszahlen sehr genau registriert wurden, traten in den Jahren vor 1990 jeweils etwa 100 bis 120 Fälle von Hirnhautentzündungen auf. Als im Jahr 1990 die Haemophilus-Impfung in ganz Deutschland eingeführt wurde, verringerte sich die jährliche Fallzahl in den östlichen Bundesländern rasch auf weniger als zehn.

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2: Keiner der behaupteten krankmachenden Erreger wurde bisher gesehen, isoliert und als existent bewiesen.

Ohne Erreger keine Impfung – so lautet eine Art Grundgesetz der Mikrobiologie. Impfstoffe werden auf der Basis von abgeschwächten oder inaktivierten Krankheitserregern oder Bestandteilen gewonnen. Mitunter werden auch nah verwandte Erregerstämme zur Impfstoffherstellung verwendet. Ohne ein spezifisches Wissen um die Krankheitserreger wäre demzufolge eine systematische Impfstoffentwicklung nicht möglich gewesen. Auf der Grundlage dieses Wissens lässt sich das Immunsystem des Körpers gewissermaßen auf die echte Erkrankung vorbereiten.

Robert Koch schuf entscheidende methodische Grundlagen in der Bakteriologie. Dazu zählen unter anderem die Entwicklung fester Nährböden zur Züchtung von Bakterien sowie die Einführung der Mikrofotografie, die wesentlich zur Ausweitung der bakteriologischen Forschung beitrug. Als Kreisphysikus entdeckte Robert Koch im Jahr 1876 die Milzbrandsporen als Ruheform des Milzbrand-Erregers und erklärte dadurch die bis dahin unverstandene Infektionskette und die hohe Widerstandsfähigkeit des Bakteriums gegenüber Umweltfaktoren. Damit hatte Robert Koch als Erster den Zusammenhang eines Mikroorganismus als Ursache einer Infektionskrankheit nachgewiesen. Viren dagegen ließen sich lange Zeit nicht abbilden, da sie für eine Darstellung im Lichtmikroskop zu klein sind. Dank der Entwicklung der Elektronenmikroskopie im 20. Jahrhundert liegen uns heute von den lichtmikroskopisch nicht darstellbaren Viren detaillierte Bilder vor.

In vielen Fällen ist zudem der genetische Code der Krankheitskeime bekannt. Dieses Wissen wird beispielsweise zur gentechnischen Herstellung des Hepatitis-B-Impfstoffes in Hefezellen genutzt. Der Impfstoff besteht lediglich aus einem spezifischen Oberflächenmolekül des Hepatitis-Virus, dem sogenannten HBs-Antigen. Sehr viel traditioneller ist dagegen immer noch die Produktion vieler Grippe-Impfstoffe: Die Grippeviren werden in Hühnereiern vermehrt, anschließend abgetötet und zu hoch gereinigten Impfstoffen verarbeitet.

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3: Impfungen schützen nicht langfristig und müssen ständig wiederholt werden.

Ob eine Impfung wiederholt werden muss oder nicht, ist von Impfstoff zu Impfstoff unterschiedlich. Wenn beispielsweise ein Kind im Rahmen der sogenannten Grundimmunisierung zweimalig eine Kombinationsspritze gegen Masern, Mumps und Röteln erhält, kann man davon ausgehen, dass der Immunschutz gegen Masern und Röteln tatsächlich ein Leben lang währt.

Anders verhält es sich bei Tetanus, Diphtherie, Polio oder Keuchhusten. Die Impfung gegen diese Krankheiten bietet fünf bis zehn Jahre Schutz – danach sollte sie wiederholt werden. Einen weitaus kürzeren Schutz bietet eine Grippeimpfung: Da sich der Grippeerreger enorm schnell verändert, müssen gefährdete Personen den Immunschutz jedes Jahr mit einem neu zusammengesetzten Impfstoff auffrischen lassen. 

Aufgrund der zeitlich begrenzten Wirkung eines Impfstoffes ist jedoch nicht von einer geringen Effektivität auszugehen. So kann eine jährliche Grippeschutzimpfung bei chronisch Kranken oder alten Menschen das Risiko für lebensbedrohliche Erkrankungsverläufe verringern. Auch eine Immunisierung gegen Tetanus im 10-Jahres-Turnus erscheint angesichts der mitunter tödlichen Infektion als ein geringer Aufwand.

Des Weiteren sollte bedacht werden, dass auch Personen, die einmal eine Infektionskrankheit überstanden haben, nicht dauerhaft gegen diese Krankheit immun sind. Sowohl an Tetanus als auch an Diphtherie oder Keuchhusten kann man mehrfach im Leben erkranken. Es sind sogar einige Fälle bekannt, in denen Menschen zweimal an Masern erkrankten.

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4: Man kann trotz Impfung erkranken.

Keine einzige Impfung vermag ausnahmslos alle Geimpften zu schützen ebenso wie kein Medikament bei sämtlichen Patienten wirkt. Allerdings können Impfungen die Erkrankungswahrscheinlichkeit deutlich senken.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: In einer Grundschule träte eine Masernepidemie auf. Die eine Hälfte der Schüler wäre geimpft, die andere nicht. Statistisch gesehen würden etwa 97 bis 98 Prozent der nicht geimpften Schüler erkranken, wohingegen unter den Geimpften nur zwei bis drei Prozent erkrankten. Bei der Grippeimpfung dagegen ist die Wirkung weniger gut. Je nach Alter und Gesundheitszustand schützt sie etwa 40 bis 75% Prozent der Geimpften vor Grippe, wobei die Impfung bei alten Menschen in der Regel am schlechtesten anschlägt.

Des Weiteren kann eine nicht rechtzeitig durchgeführte Auffrischimpfung oder ein noch unvollständig aufgebauter Immunschutz die Impfung weniger effektiv werden lassen. So müssen die klassischen Kinder-Schutzimpfungen zunächst mehrfach nach einem zeitlich geregelten Schema wiederholt werden, bevor man mit einer zuverlässigen und dauerhaften Schutzwirkung rechnen kann.

Darüber hinaus gibt es Impfungen, die lediglich besonders schwere Erkrankungsverläufe verhindern. Dies ist bei der sogenannten BCG-Impfung gegen Tuberkulose der Fall, die man hierzulande bis Ende der neunziger Jahre standardmäßig bei Säuglingen durchführte, inzwischen aber vor allem wegen der vergleichsweise geringen Erkrankungswahrscheinlichkeit als Regelimpfung aufgegeben hat. Die Impfung schützte die Kinder zwar nicht vor einer Tuberkuloseinfektion an sich – aber vor ihren schlimmsten Komplikationen mit Befall des ganzen Körpers und Gehirns.

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5: Das Durchmachen von Krankheiten ist für eine normale Entwicklung des Kindes wichtig und bewirkt einen besseren Schutz als eine Impfung.

Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die zeigen, dass sich nicht geimpfte Kinder geistig oder körperlich besser entwickeln als Geimpfte. Dies wäre auch nicht plausibel. Schutzimpfungen richten sich gegen rund ein Dutzend besonders notorischer und gefährlicher Erreger – mit hunderten weiteren Erregern muss sich das Immunsystem täglich auseinandersetzen. Auch die Impfung selbst stellt für das Abwehrsystem einen Stimulus dar und trainiert das Immunsystem. Dementsprechend wäre es ausgesprochen überraschend, wenn geimpfte Kinder generell eine schwächere Konstitution besäßen oder über dauerhaft weniger Abwehrkräfte verfügten. So wurden Belege für diese These auch bisher nicht erbracht.

Hinzu kommt: Selbst wenn man manchen Krankheitserfahrungen einen positiven Wert beimessen mag, steht umgekehrt außer Frage, dass Kinder durch Infektionen in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden können und gesundheitliche Komplikationen bis hin zu Todesfällen die Folge sein könnten. Genau das lässt sich mit der Hilfe von Impfungen vermeiden.

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6: Wir Eltern haben als Kinder diese Infektionskrankheiten auch durchgemacht und gut überstanden.

Es stimmt, dass viele Infektionen folgenlos ausheilen. Dennoch können auch sogenannte Kinderkrankheiten in bestimmten Fällen sehr drastisch verlaufen. Kinderkrankheit bedeutet nicht, dass die Krankheit harmlos ist, sondern dass sie lange Zeit bevorzugt im Kindesalter auftrat. Bestes Beispiel sind die Masern: Ungefähr bei einem von 1.000 Kindern, die an Masern erkranken, entwickelt sich eine Entzündung des Gehirns, die sogenannte Masern-Enzephalitis. Diese führt häufig zu bleibenden Hirnschäden oder verläuft sogar tödlich. In etwa einem von einer Million Fällen tritt eine solche Enzephalitis auch nach der Impfung auf – das ist jedoch tausend Mal seltener als bei der Erkrankung selbst. Auch die bei Masern recht häufig auftretenden Fieberkrämpfe können aufgrund einer Impfung weitestgehend vermieden werden. Während die Krämpfe ungefähr einen von 15 Masernkranken betreffen, leidet von 100 Impflingen nur einer darunter. 

Vergleichbares gilt für Kinderkrankheiten wie Mumps oder Röteln. Eine Mumpserkrankung bei jungen Männern bringt als Komplikation mitunter eine Hodenentzündung mit sich, in dessen Folge eine Fruchtbarkeitsstörung auftreten kann. Durch eine Impfung kann diese Komplikation in den meisten Fällen verhindert werden. Rötelninfektionen können bei Schwangeren, die nicht gegen die Krankheit immun sind, schwere Fehlbildungen des Ungeborenen verursachen. Eine zweimalige Röteln-Impfung schützt vor dieser möglichen Krankheitsfolge zu fast 100%.

Früher gab es die Möglichkeit einer Schutzimpfung für viele Krankheiten nicht, so wie es früher auch keinen Anschnallgurt im Auto, keinen Motorradhelm oder keinen schützenden Fahrradhelm gegeben hat. Heute gibt es all diese Schutzmöglichkeiten, und sie werden selbstverständlich genutzt.

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7: Ein Baby bekommt mit der Muttermilch auch Abwehrstoffe. Dieser natürliche Schutz reicht doch aus.

Tatsächlich überträgt bereits eine Schwangere über den Blutkreislauf Antikörper zum Schutz gegen bestimmte Infektionen auf ihr ungeborenes Kind. Mit der Muttermilch erhält dann der Säugling weitere Abwehrstoffe. Dieser sogenannte Nestschutz ist jedoch nur in den ersten Lebensmonaten eine Stütze für das sich entwickelnde kindliche Immunsystem – umfassend aber ist er nicht. 

Die Mutter kann auch nur Antikörper gegen Krankheiten weitergeben, die sie selbst durchgemacht hat oder gegen die sie geimpft wurde. Bei bestimmten Infektionen wie z.B. Keuchhusten, bildet das Immunsystem auch im Erkrankungsfall keine übertragbaren Antikörper. Das Baby ist also gegen diese Krankheiten in keinem Fall geschützt. Darüber hinaus ist bekannt, dass der Nestschutz insbesondere bei Frühgeborenen nur schwach ausgebildet ist, sodass diese Kinder in besonderem Maße von Impfungen profitieren.

Ohnehin müssen Nestschutz und Schutzimpfung sich nicht gegenseitig ausschließen, sie ergänzen sich vielmehr. Schwedische Kinderärzte haben festgestellt, dass gestillte Kinder seltener an schweren Hirnhautentzündungen durch das Bakterium Haemophilus influenzae Typ b (Hib) erkranken und zudem nach einer Hib-Impfung mehr Antikörper gegen den Krankheitskeim bilden. Erst durch eine abgeschlossene Impfung lassen sich die Hirnhautentzündungen in der Regel ganz vermeiden.

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8: Frauen, die eine Erkrankung selbst durchgemacht haben, geben ihren neugeborenen Kindern mehr Abwehrstoffe gegen Infektionen mit als geimpfte Mütter.

Für Masern, Mumps und Röteln trifft das nachgewiesenermaßen zu. Eine Impfung gegen diese Erkrankungen stimuliert das Immunsystem der Mutter weniger stark als eine Wildvirusinfektion, weshalb sich bei den Säuglingen geimpfter Mütter entsprechend weniger und auch eine kürzere Zeit mütterliche Antikörper finden. Aus diesem Grund führen Kinderärzte heutzutage die erste Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln etwas früher durch als noch vor 20 Jahren.

Für manche anderen Infektionen gilt dieser Zusammenhang allerdings nicht. Da beispielsweise bei einer Keuchhusteninfektion das mütterliche Immunsystem keine übertragbaren Antikörper bildet, genießt das Baby in diesem Fall auch keinen Nestschutz. Vielmehr ist bekannt, dass sich Erwachsene mehrmals im Leben an Keuchhusten anstecken können und die Krankheitskeime dann oft unbemerkt auf ihre Kinder übertragen. 

Einer US-Untersuchung aus dem Jahr 2007 zufolge sind Eltern und enge Verwandte die weitaus häufigste Infektionsquelle, wenn ein Säugling an Keuchhusten erkrankt. Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut empfiehlt daher eine Immunisierung der Kontaktpersonen noch vor der Geburt des Kindes.

Bei anderen Erkrankungen wie z.B. Tetanus oder Diphtherie besteht bei Neugeborenen geimpfter Mütter ein Nestschutz. Dieser Schutz ist jedoch bei Neugeborenen von Müttern, die eine Infektion durchgemacht haben, nicht nachweisbar.

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9: Zu früh durchgeführte Impfungen bilden für Kinder vermeidbare Risiken.

Bestimmte Infektionen treffen Säuglinge deutlich schwerer als ältere Kinder – darin liegt ein wesentlicher Grund, warum Babys bereits nach dem vollendeten zweiten Lebensmonat gegen verschiedene Erkrankungen geimpft werden.

Klassische Beispiele sind Infektionen mit dem Bakterium Haemophilus influenzaesowie Keuchhusten. Wenn Kinder bei einer Keuchhusten-Infektion jünger als sechs Monate sind, kommt es in rund 25 Prozent der Fälle zu Komplikationen wie Lungenentzündungen oder Atemstillständen. Danach sinkt die Komplikationsrate auf etwa fünf Prozent. Daher profitiert ein Säugling von einer Keuchhustenimpfung in besonderem Maße. Bereits die erste Impfdosis im Alter von zwei Monaten kann die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung aufgrund einer Keuchhustenerkrankung um etwa zwei Drittel senken. Durch die Wiederholungsimpfungen im Laufe des ersten Lebensjahres wird der Keuchhustenschutz komplettiert.

Die Annahme, dass Säuglinge Impfungen generell schlechter vertragen würden als ältere Kinder, ist nicht belegt. Bei extrem Frühgeborenen, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, sollten zwar nach bestimmten Impfungen Herz- und Lungenfunktion überwacht werden, um etwaige Impfkomplikationen schnell erkennen zu können, jedoch sind Frühgeborene auch gegen Infektionen anfälliger. Das Risiko-Nutzen-Verhältnis spräche auch hier für die Impfung.

Indes werden keineswegs alle Impfstoffe bereits im Säuglingsalter verabreicht. Eine Immunisierung gegen Masern, Mumps und Röteln sowie gegen besondere Erreger von Hirnhautentzündungen – sogenannte Meningokokken – erfolgen erst um den ersten Geburtstag.

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10: Durch die vielen Impfungen und Mehrfachimpfstoffe wird das Immunsystem des kleinen Kindes überlastet.

Fakt ist, dass heutzutage die Kinder gegen mehr Krankheiten geimpft werden als früher. Die Zahl der dabei übertragenen Fremdmoleküle, der sogenannten Antigene, hat sich aber dennoch deutlich verringert. So beinhaltete allein der alte Keuchhusten-Impfstoff rund 3.000 solcher molekularen Fremdstoffe. In allen heutigen Schutzimpfungen zusammengenommen finden sich dagegen nur 150 Antigene. Der Grund dafür liegt darin, dass die modernen Impfstoffe hoch gereinigt sind und zumeist nur einzelne Bestandteile der Erreger enthalten. Tatsächlich setzt sich das kindliche Immunsystem, das für diese Aufgabe gut gerüstet ist, tagtäglich mit einer vielfach größeren Menge von Fremdmolekülen auseinander, als dies bei Impfungen der Fall ist.

Des Weiteren gibt es keine Hinweise darauf, dass Mehrfachimpfstoffe das Abwehrsystem überlasten. Bekannt ist allerdings, dass bestimmte Teilkomponenten der Kombi-Impfungen das Immunsystem schwächer stimulieren als gäbe man sie alleine, weshalb beispielsweise vier statt drei Impfspritzen notwendig sein können. Letztlich kann aber die Zahl der erforderlichen Spritzen durch Mehrfachimpfstoffe deutlich reduziert werden.

Bis zu sechs Impfstoffe – gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Haemophilus influenzae, Polio und Hepatitis B – lassen sich heute in einem einzigen Impfstoff kombinieren. Eine häufige Kritik an der Sechsfachimpfung ist, dass Hepatitis B vorwiegend – wenn auch keineswegs ausschließlich – durch Geschlechtsverkehr übertragen wird und die Erkrankungswahrscheinlichkeit bei einem Säugling niedrig liegt. Allerdings verläuft die Hepatitis-B-Erkrankung bei Säuglingen fast immer sehr schwer und wird in 90% der Fälle chronisch. 

Außerdem kommen bei der Hepatitis-Impfung im Säuglingsalter auch pragmatische Überlegungen zum Tragen. Man weiß, dass die Impfquoten bei Jugendlichen gering sind, eine Hepatitis-B-Infektion aber zu einer schweren Krankheit führen und bei chronischem Verlauf sogar Leberkrebs auslösen kann. Daher empfehlen die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut ebenso wie die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Immunisierung gegen Hepatitis B bereits bei Kindern durchzuführen. Nach derzeitigem Wissen könnte dadurch bei einem Großteil der Geimpften ein langfristiger, möglicherweise sogar lebenslanger Schutz erzielt werden.

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11: Impfungen verursachen die Erkrankungen, gegen die sie schützen sollen.

Bestimmte Impfstoffe können tatsächlich krankheitsähnliche Symptome hervorrufen – eine voll ausgeprägte Erkrankung entwickelt sich aber praktisch nie. Bekanntestes Beispiel sind die "Impfmasern". Da der Masernimpfstoff ein abgeschwächtes, aber noch vermehrungsfähiges Masernvirus enthält, kommt es bei rund fünf Prozent der Geimpften nach etwa einer Woche zu einem masernartigen Hautausschlag. Eine voll ausgeprägte Masernerkrankung oder bekannte Komplikationen wie Mittelohr- oder Lungenentzündungen treten jedoch nicht auf. Auch die gefürchtete Entzündung des Gehirns, die Masern-Enzephalitis, ist nach der Impfung eine absolute Seltenheit: Sie befällt etwa einen von einer Million Geimpften, dagegen ist bei den echten Masern jedes tausendste Kind betroffen.

Leider gab es zu Zeiten der Schluckimpfung immer wieder Fälle von Kinderlähmung, die durch die Impfung selber verursacht wurden. Der Lebendimpfstoff, der die Poliomyelitis mit gutem Erfolg zurückdrängen half, verursachte selbst jedes Jahr einige wenige Infektionen. Die Schluckimpfung wird daher nicht mehr durchgeführt. Seit Januar 1998 empfiehlt die Ständige Impfkommission die Polio-Impfung aus den oben genannten Gründen nur noch per Injektion mit dem Totimpfstoff, der die Erkrankung nicht auslösen kann. 

Viele Impfstoffe bestehen aus abgetöteten Erregern oder, wie etwa die Grippeimpfstoffe, nur aus Bestandteilen von Erregern. Lediglich sehr wenige Impfstoffe enthalten abgeschwächte, noch lebende Erreger. Ganz abgesehen von diesen Zusammenhängen treten in der Folge von Impfungen mitunter Fieber, Übelkeit oder Schläfrigkeit sowie Schwellungen und Rötungen an der Injektionsstelle auf. Dabei handelt es sich zum Teil um erwünschte Reaktionen des gesunden Immunsystems, die einen Indikator für eine zukünftig gute Immunität gegen die Erkrankung darstellen. 

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12: Impfungen fördern Allergien.

Sicher ist: Es gibt heutzutage mehr Impfungen – und mehr Allergien. Ob das eine jedoch mit dem anderen zusammenhängt, ist nicht belegt. Zwar hatten schwedische Mediziner vor einigen Jahren gezeigt, dass Kinder aus anthroposophisch orientierten Familien seltener zu Ekzemen neigen. Tatsächlich wurden diese Kinder nicht so häufig geimpft. Doch bekamen sie auch seltener Antibiotika, ernährten sich anders, und ihre Eltern rauchten weniger. In einer anderen Studie stellten amerikanische Allergologen fest, dass Eltern, die Impfungen ablehnen, bei ihren Kindern weniger häufig Asthma oder Heuschnupfen beobachten. Doch auch in dieser Untersuchung blieb ungeklärt, ob wirklich ein ursächlicher Zusammenhang zwischen „Nicht-Impfen und dem Auftreten Asthma oder Heuschnupfen“ bestand.

Gegen eine solche Verbindung sprechen viele andere Studien. So ergab eine Analyse Rotterdamer Ärzte, die alle zwischen 1966 und 2003 zu dem Thema veröffentlichten Fachartikel auswerteten, dass sich insbesondere in den methodisch zuverlässigeren Untersuchungen kein erhöhtes Allergierisiko finden ließ. Es zeigte sich vielmehr, dass Impfungen das Risiko für die Allergie-Entwicklung verringern können. 

Auch eine Erfahrung hierzulande weist in diese Richtung: In der DDR, wo eine gesetzliche Impfpflicht bestand und fast alle Kinder geimpft wurden, gab es kaum Allergien. Diese nahmen in Ostdeutschland erst nach der Wende zu, während gleichzeitig die Impfquoten sanken.

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13: Die Nebenwirkungen und Risiken von Impfungen sind unkalkulierbar.

Immer wieder ist in den vergangenen Jahren darüber gestritten worden, ob Autismus, Diabetes oder selbst Multiple Sklerose durch Impfungen ausgelöst werden könnten. Einen Nachweis dafür gibt es allerdings bis heute nicht, vielmehr sprechen die Ergebnisse zahlreicher Studien gegen einen Zusammenhang zwischen Impfungen und den genannten Krankheiten.

Ein britischer Arzt, Andrew Wakefield, hatte Ende der neunziger Jahre nach einer sehr kleinen Studie (zwölf Kinder) die Hypothese aufgestellt, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung zu Schäden im Darm und dadurch zum Eindringen neurotoxischer Substanzen in den Organismus führen könnte. Dies behindere die geistige Entwicklung und begünstige Autismus. Es wurden größere Studien durchgeführt, um die Hypothese zu überprüfen, aber keine Untersuchung konnte den behaupteten Zusammenhang bestätigen. Dann kam heraus, dass Wakefieldvon Anwälten Geld erhalten hatte, die Eltern Autismus-betroffener Kinder vertraten und nach Verbindungen zwischen Autismus und Impfung suchten, um Hersteller des Impfstoffes zu verklagen. Im Jahr 2004 zogen zehn der ursprünglich 13 Autoren ihre Interpretation offiziell zurück. Der verantwortliche Arzt verlor 2010 in Großbritannien wegen unethischen Verhaltens seine Zulassung. 

Gleichwohl ist unbestritten, dass Impfstoffe Nebenwirkungen haben können. Eine Hauptschwierigkeit liegt hier in der Risikobewertung: Impfungen sind so häufig, dass viele Gesundheitsstörungen ganz zufällig nach der Immunisierung auftreten können. Ein echter Zusammenhang muss deshalb nicht bestehen. Vor einigen Jahren wurde beispielsweise die Vermutung diskutiert, der plötzliche Kindstod könnte durch Impfungen begünstigt werden, da Kinder in einer Reihe von Fällen kurz nach einer Immunisierung verstorben waren. Inzwischen weisen Studien sogar eher in die andere Richtung. So stellten Mediziner von der Universität Magdeburg bei einer umfangreichen Analyse von gut 300 Kindstodesfällen fest, dass diese betroffenen Babys seltener und später geimpft worden waren als üblich.

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14: Impfstoffe enthalten gefährliche Chemikalien, mit denen die Kinder wissentlich vergiftet werden.

In einigen Impfstoffen sind Formaldehyd, Aluminium, Phenol oder Quecksilber enthalten – allerdings in äußerst geringen Konzentrationen (weit unterhalb toxikologischer Grenzwerte). Die Substanzen dienen beispielsweise dazu, um Impfviren abzutöten (Formaldehyd), die Immunantwort zu verstärken (Aluminiumhydroxid) oder den Impfstoff haltbar zu machen (Phenol).

Vor einigen Jahren hatten zwei amerikanische Mediziner die These aufgestellt, der in den USA registrierte Anstieg von Autismusfällen hänge mit dem quecksilberhaltigen Konservierungsmittel „Thiomersal“ zusammen, der in manchen Impfstoffen vorhanden ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO, das US-amerikanische "Institute of Medicine" sowie die europäische Arzneimittelbehörde EMA sind inzwischen allerdings unabhängig voneinander zu dem Schluss gelangt, dass die verfügbaren Studien gegen einen solchen Zusammenhang sprechen. Gleichwohl haben die Pharmahersteller auf die heftige Debatte reagiert: Für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen sind inzwischen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar.

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15: Bei der Impfstoffherstellung kann es zu Verunreinigungen kommen, die für Erkrankungen wie BSEAIDS oder Krebs verantwortlich sind.

Richtig ist, dass beispielsweise bei der Anzucht einiger Impfviren das Serum von Kälbern als Nährmedium für die entsprechenden Zellkulturen notwendig ist. Allerdings dürfen dabei nur zertifizierte Produkte aus BSE-freien Ländern wie Neuseeland verwendet werden.

Ähnlich streng sind die Kontrollen bei bestimmten Eiweißbestandteilen, dem sogenannten Humanalbumin, dass aus dem menschlichen Blut-Plasma gewonnen wird. Diese Eiweiße dienen in bestimmten Fällen dazu, Lebendimpfstoffe zu stabilisieren und haltbarer zu machen. Um sicherzustellen, dass es dabei zu keiner Übertragung von HIV oder Hepatitisviren kommt, werden Plasmaprodukte systematisch auf die Erreger getestet. Im weiteren Herstellungsverlauf gibt es darüber hinaus Verfahren, die eventuell unentdeckte Viren abtöten. 

Die Verwendung von ursprünglich aus Tumorgewebe stammenden Zellen für die Impfstoffproduktion von Influenzaviren kann keinesfalls Krebs verursachen. Solche Zellen werden verwendet, weil sie sich unbegrenzt vermehren. Die Zellbestandteile gelangen aber überhaupt nicht in den Impfstoff.

Schwerwiegende Produktionsfehler, die – wie bei jedem Produktionsprozess - zu Unglücken führen könnten, sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht vorgekommen. In den Fünfizigerjahren gelangten in den USA kurz nach Beginn des Routineeinsatzes des inaktivierten Polio-Impfstoffs versehentlich nicht-inaktivierte Polioviren in den Impfstoff. Dadurch wurden mehrere hunderttausend Kinder infiziert, es kam zu rund 50 Fällen von dauerhafter Lähmung und fünf Todesfällen. Dieser schwere Zwischenfall wird nach dem Hersteller CutterLaboratories als „Cutter-Unfall“ bezeichnet. 

Kontrollmechanismen in der Arzneimittelsicherheit werden regelmäßig dem aktuellen Stand des Wissens angepasst. Dank einer neuartigen Untersuchungsmethode wurde im Jahr 2011 eine Verunreinigung eines Impfstoffes gegen Rotaviren mit sogenannten Schweineviren (Porcines Circovirus 1, kurz PCV-1) entdeckt. Mit Hilfe weiterer spezifischer Nachweismethoden stellten u.a. Wissenschaftler im PEI und RKI fest, dass der Impfstoff zwar große Mengen von PCV-1-Partikeln enthielt, diese aber nicht infektiös und damit nicht gesundheitsgefährdend waren. 

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16: Es gibt Ärzte, die vom Impfen abraten.

Nur wenige Ärzte sind gänzlich gegen das Impfen. Allerdings finden sich in der Tat manche, die eine kritische Haltung gegenüber einzelnen Impfungen einnehmen – was nicht per se heißen muss, dass es dafür gute wissenschaftliche Gründe gäbe. Auch persönliche Erfahrungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Indes muss eine alternativmedizinische Ausrichtung der Idee des Impfschutzes keineswegs widersprechen. Freiburger Forscher stellten vor einigen Jahren bei einer Befragung von über 200 homöopathisch orientierten Ärzten fest, dass diese die „klassischen“ Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Polio fast ebenso häufig verabreichen wie ihre rein schulmedizinischen Kollegen. Auch bei der Masernimpfung findet ein Umdenken statt. Viele naturheilkundlich oder homöopathisch ausgerichtete Ärzte empfehlen inzwischen explizit diese Impfung. Bei anderen Immunisierungen gaben sich die Homöopathen allerdings zurückhaltender.

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) hob in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2002 hervor, dass eine Diskussion über den Nutzen und Nachteil von Impfungen völlig legitim sei und die Entscheidung dafür oder dagegen individuell getroffen werden müsse. Gleichzeitig aber bekräftigte der DZVhÄ die Bedeutung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut. Deren Empfehlungen seien "sorgfältig erwogen und berücksichtigen den aktuellen Stand des Wissens mit der Absicht, das Auftreten vieler Infektionskrankheiten grundsätzlich zu verhindern."

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17: Die meisten Krankheiten, gegen die geimpft wird, treten in Deutschland gar nicht mehr auf.

Einige Infektionen wie Kinderlähmung kommen seit vielen Jahren in Deutschland nicht mehr vor oder sind, wie Diphtherie, hierzulande eine Rarität geworden. Allerdings ist dies bereits das Resultat von Impfprogrammen. Sinkende Impfquoten bergen prinzipiell auch die Gefahr neuer Epidemien. Das zeigen beispielsweise Poliomyelitis-Ausbrüche in den Jahren 1978 und 1992 in niederländischen Gemeinden, in denen aufgrund religiöser Vorbehalte Impfungen abgelehnt wurden. Bei der ersten Epidemie erkrankten 110 Personen, bei der zweiten 71 Personen an Kinderlähmung. Auch nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die WHO-Region Europa 2002 als poliofrei anerkannt hatte, kam es zu einer Einschleppung von Poliowildviren. In Tadschikistan wurden 2010 über 600 Fälle akuter schlaffer Lähmungen gemeldet. In 334 Fällen konnte ein Poliowildvirus nachgewiesen werden. Unter den bestätigten Fällen wurden 14 Todesfälle verzeichnet, und trotz Sicherheitsvorkehrungen (Einreiseverbot, Einfuhrverbot für Lebensmittel) wurde das ursprünglich aus Indien stammende Virus von Tadschikistan nach Russland weiterverschleppt und verursachte dort mehrere Krankheitsfälle. 

Weitaus dramatischer noch als diese Polioausbrüche waren die Diphtherie-Wellen in Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wo in den neunziger Jahren in der Folge sinkender Impfquoten insgesamt über 150.000 Menschen erkrankten und mehr als 6.000 verstarben. Im Zuge solcher Epidemien können durch den internationalen Reiseverkehr Infektionen auch nach Deutschland eingeschleppt werden.

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18: Impfungen sind überflüssig, da die Krankheiten zum Beispiel mit Antibiotika behandelt werden können.

Die heutigen Behandlungsmöglichkeiten sind fraglos besser als früher. Jedoch gibt es bis heute keine Arzneimittel, die gegen Viren so wirksam wären wie Antibiotika gegen Bakterien. Gegenüber Viren sind Antibiotika unwirksam.

Antibiotikaresistenzen gefährden jedoch die Behandlungsmöglichkeiten von bakteriellen Erkrankungen immer mehr. Zudem kamen in den letzten Jahrzehnten kaum neue Antibiotika auf den Markt. Die Weltgesundheitsorganisation hat daher 2014 gewarnt, dass ohne dringende, koordinierte Aktivitäten vieler Beteiligter die Welt vor einer post-antibiotischen Ära steht. Dazu gehört, dass Antibiotika weniger zum Einsatz kommen müssen, wenn bakterielle Infektionen durch Impfungen und verbesserte Hygiene verhindert werden.

Einige bakterielle Erkrankungen sind auch äußerst schwer zu behandeln. So können unter anderem Tetanusinfektionen, bakterielle Hirnhautentzündungen und Keuchhusten selbst unter modernen Behandlungsbedingungen tödlich verlaufen.

Impfung und Therapie sind zudem keine gegensätzlichen Optionen, sondern Teil derselben Schutzkette. Mitunter verhindert die Impfung zwar nicht die Infektion, aber ihre schwersten Verläufe.

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19: Der Rückgang von Erkrankungen ist eine Folge verbesserter Hygiene und Ernährung und hat nichts mit Impfungen zu tun.

Außer Frage steht: Wohlstand und Hygiene tragen wesentlich zur Vermeidung von Infektionskrankheiten bei. Beispielsweise sind die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und die Etablierung einer guten Händehygiene unerlässlich für die Prävention von Hepatitis A, Typhus oder Cholera. Viele Infektionen sind bereits vor Einführung der Impfungen durch z.B. verbesserte hygienische Bedingungen oder eine bessere Ernährung zurückgegangen. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass verbesserte hygienische Bedingungen zu einer so deutlichen Senkung des Auftretens von Infektionen führen wie Impfungen. So werden manche Erreger wie die Masern-, Hepatitis-B-, Polioviren ausschließlich im menschlichen Organismus beherbergt und von Mensch zu Mensch weitergegeben, etwa durch sexuelle Kontakte oder durch Anhusten.

Es ist zwar richtig, dass beispielsweise Masernerkrankungen bei unterernährten Kindern oft besonders schwer verlaufen, jedoch hängt die eigentliche Ansteckungswahrscheinlichkeit direkt damit zusammen, wie viele Kinder gegen Masern geimpft sind. Wenn 95% der Bevölkerung einen Schutz gegen die Masern aufwiesen, ließen sich die Masern gänzlich ausrotten.

So gilt der gesamte südamerikanische Halbkontinent infolge konsequenter Impfprogramme als praktisch masernfrei. In einigen Ländern Afrikas, insbesondere in Ländern südlich der Sahara, sowie in Indien und Südostasien gehören die Masern dagegen immer noch zu den häufigen Todesursachen. Dort starben im Jahr 1999 weit mehr als 800.000 Kinder an Masern. Durch groß angelegte Impfkampagnen, bei denen in Afrika und Asien über 360 Millionen Kinder geimpft wurden, konnte die Zahl der Todesfälle auf knapp 160.000 im Jahr 2011 verringert werden. Langfristig strebt die Weltgesundheitsorganisation an, die Masern weltweit zu eliminieren. Diesem Ziel hat sich auch Deutschland angeschlossen.

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20: Mit Impfungen will die Pharmaindustrie nur Geschäfte machen.

Auch die Unternehmen anderer Industriezweige verdienen mit ihren Produkten Geld, denn das ist das Ziel aller Unternehmen. Allerdings dürften Medikamente für chronisch Kranke, die ein Leben lang eingenommen werden müssen, mehr Gewinn einbringen als Impfstoffe, die in der Regel nur wenige Male verabreicht werden. Bei den Krankenkassen gehören Impfstoffe zu den großen Ausgabenposten, doch den Ausgaben für Impfstoffe stehen oft beträchtliche Einsparungen gegenüber. So konnten beispielsweise in den alten Bundesländern in den Zeiten der Schluckimpfung für jede Mark, die für diese Impfung ausgegeben wurde, 90 Mark an Therapie- und Reha-Kosten eingespart werden. Zu vielen Impfstoffen liegen ökonomische Betrachtungen (sogenannte Modellierungen) vor, die die Kosten ins Verhältnis zu dem erwarteten Nutzen setzen. Man sollte auch das Leid nicht vergessen, das Krankheiten verursachen, die durch eine Impfung vermeidbar (impfpräventabel) wären.

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